Aggression und Gewalt haben viele Gesichter, auch in der Pflege, schreibt das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP). Dabei geht es noch nicht einmal um eindeutige Schläge. Psychische Gewalt komme viel häufiger zum Tragen. Die Senioren selbst sehen schon in Schimpftiraden oder hartem Anfassen sowie in der Beschneidung ihrer Selbstbestimmung einen Gewaltakt.
Das ZQP hat für seine neue Untersuchung Pflegekräfte zum Thema Gewalt gegen Pflegebedürftige befragt. Danach sind 47 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Umgang mit Konflikten, Aggression und Gewalt die stationäre Pflege besonders herausfordert. Wenn es um kritisches Handeln von Pflegenden gegen Bewohner geht, werden verbale Übergriffe und Vernachlässigung als am häufigsten beschrieben.
Um solchen Gewalthandlungen vorzubeugen, bedürfe es sachlicher Aufklärung und Unterstützung. Eine Vorverurteilung bringe nicht viel. Auch müsse die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden. Deshalb hat das ZQP die Aufklärungsaktion #PflegeOhneGewalt gestartet. Gewalt gegen ältere Menschen sei ein ernst zu nehmendes Problem und dürfe nicht bagatellisiert werden. Die Weltgesundheits Organisation (WHO) schätzt, dass jeder Zehnte über 60 Jahre schon mindestens einmal Opfer von Diskriminierung, finanziellem Missbrauch oder körperlicher und psychischer Gewalt geworden ist. Demnach sei Gewalt kein Einzelfall und die Dunkelziffer hoch. Betroffene trauten sich nicht, darüber zu sprechen. Aus dieser Tabuzone müsste das Thema heraus.
Um neue Anhaltspunkte zur Bedeutung des Themas in der professionellen Pflege zu gewinnen, hat das ZQP eine repräsentative Befragung dazu in der stationären Pflege durchgeführt. 47 Prozent der Pflegedienstleitungen und Qualitätsbeauftragten gaben dabei an, dass sie „Konflikte, Aggression und Gewalt in der Pflege“ für ein Thema halten, das die stationären Pflegeeinrichtungen vor ganz besondere Herausforderungen stellt, schreibt das Zentrum in einer Mitteilung.
Gewalt zeige sich laut der Befragung vor allem in verbalen Übergriffen. Um sich dem Thema weiter zu nähern, betrachtete die Studie auch auf die Rahmenbedingungen zur Gewaltprävention in Einrichtungen. Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass es in ihren Heimen kein speziell für die Problematik geschultes Personal gibt. 28 Prozent berichteten, dass Gewaltvorkommnisse auch nicht in einem Fehlerberichtssystem angegeben werden können. In 20 Prozent der Einrichtungen ist das Thema nicht ausdrücklich Bestandteil des Qualitätsmanagements. Dies aber müsse nach Ansicht der befragten Pflegekräfte vorhanden sein. „Viele Einrichtungen leben engagiert vor, dass Gewaltprävention funktioniert. In der Praxis gibt es hierfür gute Ansatzpunkte. Dazu gehört der Einsatz wirksamer Alternativen zu den belastenden und gefährlichen freiheitsentziehenden Maßnahmen. Auch bei der Fehlerkultur und einer gewaltsensiblen Qualitätssicherung gibt es Gestaltungsmöglichkeiten. Einrichtungen, die hierbei erfolgreich sind, müssen stärker belohnt und als vorbildlich hervorgehoben werden“, betont der Vorstandsvorsitzende des ZQP, Ralf Suhr.
Zum Thema Gewaltprävention in der Pflege können sich Interessierte kostenlos Informationen bestellen, zum Beispiel den Report „Gewaltprävention in der Pflege“. Mehr dazu gibt es auf der Webseite des Zentrums.